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Feelgood oder Kühltruhe

Blad: Universiteit van Amsterdam
Datum: 2006-04-19

Sie haben ihre Kindheit gemeinsam, die jungen Schriftsteller der ehemaligen DDR, die Erinnerung an eine Welt, die vor immer verschwunden ist. Man kann ihre Bücher ohne weiteres als Kindheitsmemoires lesen, wie man das vorzugsweise mit Meine freie deutsche Jugend von Claudia Rusch macht. Es gibt aber auch Autoren, die ihre DDR-Kindheit als Rohstoff benutzen, um eine ganz eigensinnige Welt der Vorstellung zu schaffen, wie Annett Gröschner mit ihrem fröstelnden Roman Moskauer Eis.

Man hat einen Schatz, man ist aufgewachsen in einem Land, das es nicht mehr gibt. Ein Märchenland, mit düsteren, bösen Kräften und allem. Man ist froh, dass es aufgelöst worden ist, aber man hat auch Heimweh. Man teilt eine gemeinsame Erinnerung mit Millionen ehemaliger Landsmänner, -frauen und -kinder und trotzdem ist man alleine, das Geburtsland weit weg in vollendeten Zeiten, obwohl man erst Dreißiger, Vierziger ist. Da hat man gutes Material für ein Buch. Das Heimweh lässt sich am Besten in sinnlichen Bildern vorstellen - mit Details, die man fast riechen, hören, fühlen kann, die unter der Haut für immer ihre Spuren hinterlassen haben, die auch im Gedächtnis des Körpers wohnen.
Es gibt viele junge Schriftsteller, die ihre DDR-Kindheit zum Thema machen, das Bedürfnis, die verschwundene Welt zurückzubringen, ist offensichtlich groß, die Beschäftigung mit der eigenen Kindheit kommt in jüngerem Alter, als wenn es keine Wiedervereinigung gegeben hätte, als wenn die Zäsur nicht so total gewesen wäre. Vor der Wende liegt die Kindheit, nachher das Erwachsensein.
Die erste Belletristik junger Schriftsteller, die in den sechziger bis achtziger Jahren in der DDR spielt, habe ich begierig gelesen. Sie erinnert mich nicht nur an die DDR Anfang der achtziger Jahre, sondern auch an meine eigene Kindheit im Westen. Was als typisch für die DDR erscheint, ist oft mindestens so sehr typisch für die Wiederaufbaujahre in Ost únd West. Das trifft vor allem auf den naiven Glauben an wissenschaftliche und technische Fortschritt und an einen neuen, modernen Menschen, der sich von Rationalität steuern lässt, zu. In Moskauer Eis, dem Debütroman von Annett Gröschner (Magdeburg, 1964), erscheint diese Welt von tiefgefrorener, hygienischer Ernährung, von synthetischen Stoffen wie Präsent 20 ­ bei uns hieß das Trevira ­ und von einer rationellen Demokratie zuerst noch als Hoffnung. Die Protagonistin, Annja Kobe (deren Biographie sich teilweise mit der von Gröschner überschneidet), ist Kind einer Familie leidenschaftlicher Kälteforscher. Ihr Großvater hatte seine Position als Experte größtenteils, obwohl auch als Selbsttäuschung, aufrechterhalten, ihr Vater hält tapfer durch, obwohl seine Erwartung, die ganze Ernährungsindustrie mit Gefriertechnologie modernisieren zu können, langsam wegschmilzt, bis er nur noch mit dem Versuch beschäftigt ist mit untauglichen Rohstoffen Konsumeis zu produzieren. Die moderne Zukunft ist zur Mangelwirtschaft herabgesunken, der rationale Mensch bemüht sich seine Träume zu vergessen. Der Vater von Annja muss sich damit zufrieden geben, dass er der Urheber des Moskauer Eises ist. Weil Gröschner offenbar sehr detailliert recherchiert hat (davon zeugt auch ihre Website), ist ihr Roman eine genaue und überzeugende Schilderung der Wiederaufbaujahre, nicht nur in individueller und psychologischer Hinsicht, sondern auch soziologisch und politisch. Die Welt der Kältetechnik ist für den Wiederaufbau ein eindringliches Beispiel und für die sozialistische Planwirtschaft eine fröstelnde Metapher.
Hiermit unterscheidet Gröschner sich von manchen anderen jungen Schriftstellern aus der ehemaligen DDR. Nehmen wir die sieben Jahre jüngere Claudia Rusch (Rügen, 1971) mit ihrem Debüt Meine freie deutsche Jugend. Ruschs Buch ist eine lange Reihe tagebuchartiger Kurzgeschichten. Es sind witzige, meist gut geschriebene, mundgerechte Brocken, die sich schnell verdauen lassen, die aber wenig Nachgeschmack hinterlassen. Es ist feelgood Literatur. Für Moskauer Eis dagegen braucht man Zeit zum Verdauen, wie bei den Unmengen Eis, die im Buch gegessen oder eigentlich geprüft werden und die auch nicht gerade leicht im Magen liegen. Und das ist eine Freude nach der Leichtkost von Claudia Rusch.
In beiden Büchern sind die Protagonistinnen, Annja und Claudia, Außenseiterinnen. Sie gehören zu der dem Staat ungewissen Schicht der Intelligenz, beide sind sie in der Schule Klassenbeste, beide sind sie auch das einzige Kind der Eltern und ­ insoweit sie eine Rolle spielen ­ das einzige Enkelkind der Großeltern. Aber während Claudia letztendlich eine selbstgefällige Prinzessin bleibt, für deren Gestalterin jede Kindheitsanekdote ein Schatz ist, den sie mit dem Publikum teilen möchte, nur weil sie diese erlebt hat, so wächst Annja, ein selbstvergessenes Kind, das mit dreizehn von ihrer freiheitsbedürftigen Mutter verlassen wurde und sehr an ihrem Vater hängt, zu einer psychologisch komplexen Romanfigur heran. Wie sie in der Gegenwart des Buches (1991) ganz alleine mit ihrer dementen Großmutter herummacht, bis sie stirbt, wie sie die Kühltruhe, worin ihr Vater tiefgefroren liegt, herumschleppt, bis sie eines Tages beiden verschwunden sind, das macht man als Leser ­ in aller physikalischen Unmöglichkeit und Wahnsinn ­ problemlos mit, weil Annett Gröschner es versteht, ihm mit der fast thrillerartigen Spannung von Moskauer Eis dazu zu verführen.

Annett Gröschner: Moskauer Eis, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin, 2003, 288 Seiten, ¤ 8,50, ISBN 3-7466-18282. Erstausgabe Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig, 2000

Claudia Rusch: Meine freie deutsche Jugend, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2005, 157 Seiten, ¤ 7,90, ISBN 3-596-15986-5. Erstausgabe S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 200

 
 

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