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Laudatio zum Annalise-Wagner-Preis 2010

Blad: Blankow
Datum: 2010-06-26
Tekst: Axel Kahrs
Beeld: Annalise-Wagner-Stiftung

Liebe Pauline de Bok, meine sehr geehrten Damen und Herren,

Wann und wo auch immer von Geschichten gesprochen wird, die von tragischen Schicksalen in einer Familie berichten, tauchen die „Buddenbrooks“ auf, wann und wo auch immer ein hektisches Großstadtmilieu geschildert wird, denkt man an „Berlin Alexanderplatz“, wann und wo auch immer vom Leben auf einer einsamen Insel die Rede ist, fällt uns „Robinson Crusoe“ ein, und wann und wo auch immer in Zukunft vom Leben auf dem Lande die Rede sein wird, diese Prognose sei mir gestattet, führt kein Weg an „Blankow“ vorbei. Die europäische Nachbarin Pauline de Bok hat uns mit einem Buch beschenkt, das nun, nachdem es in den Niederlanden durch das einhellige Lob Cees Nootebooms und Geert Maks gleichsam geadelt wurde, mit dem Annalise-Wagner-Preis des Jahres 2010 auch in Deutschland die sichtbare Anerkennung findet, die sich schon vorher in den begeisterten Rezensionen der überregionalen Feuilletons niederschlug. Der Region hat sie so ein sprachliches Denkmal errichtet, das überdauern wird, und das an Erinnerungsliteratur satte Mecklenburg-Vorpommern kann sich reich beschenkt fühlen, auch wenn es jetzt schon von Fritz Reuter bis Uwe Johnson, von Peter Jokostra bis Hans Fallada, von Christa Wolf und Wolfgang Koeppen bis hin zu Christoph Hein, Volker H. Altwasser und Peter Wawerzinek über großartige Autoren verfügt.

Doch bevor wir heute gemeinsam mit der Autorin den Pfad zu den Höhen der Literatur erklimmen, möchte ich mit Ihnen kurz zurückschauen auf die Gefährdungen, die am Rande dieses steilen Weges nach oben lauerten. Denn was ist eigentlich an der Geschichte dran, die Pauline de Bok uns erzählt? Eine gestresste Frau zieht aus der Großstadt aufs nahe Land, um es sich dort gemütlich zu machen und sich zu erholen. Nun hätte sie uns daraus eine jener hübschen, gefälligen Geschichten stricken können, wie sie der Literaturbetrieb jedes Jahr neu auf den  Markt wirft. Zum Beispiel so eine: Ein abgelegenes Gut im Dornröschenschlaf, durch Zufall entdeckt, wird von jungen Städtern erworben und aufgemöbelt, bald glänzen hinter der behutsam renovierten Fassade im Saal die neu lackierten Holzdielen, auf denen Biedermeiermöbel Gediegenheit und Geschmack ausstrahlen. Auf dem Dach verrät die Solaranlage das ökologische Bewusstsein und ein paar eigene Schafe auf der Wiese zeigen, dass man unter die Hobby-Bauern gegangen ist, allerdings nicht ohne sich noch schnell einen DSL-Anschluss für den Laptop legen zu lassen. Kurz, die moderne Großstadt hätte sich ins Dorf begeben, das als Kulisse idyllisch aussehen, aber nach Möglichkeit nicht weiter stören soll, also bitte keine röhrenden John-Deere-Traktoren mit Multidrill, von denen auch Pauline de Bok schreibt.

Alternativ hätte sie auch ein wenig recherchieren und herausfinden können, wer von den literarischen Größen der letzten Jahrhunderte hier vor Ort einen Gesprächspartner aus dem ostelbischen Junkertum hatte oder auf Durchreise war: Ernst Moritz Arndt oder John Brinckman, Fritz Reuter oder Heinrich Schliemann, Hoffmann von Fallersleben oder Wilhelm von Humboldt, oder sogar Königin Luise aus dem benachbarten Hohenzieritz? Einer von ihnen hätte sich sicher gefunden für ein Taschenbüchlein mit dem Titel „Auf den literarischen Spuren  in Blankow mit …“. Oder sie hätte ein romantisches Gartenmärchen in Buchform schreiben können, in dem sich Zitate von Vita Sackville-West mit Sätzen aus Elizabeths von Arnims Büchern abwechseln, garniert mit wunderbaren Farbfotos von Rosenstauden vor Buchsbaumhecken mit Marmorputten.

Aber Pauline de Bok hat sich dem allen in der Realität und im Buch – beide sollten wir weiterhin strikt trennen - verweigert. Von Anfang an ist ihr Eintauchen in die Welt des ehemaligen Vorwerkes Blankow gekennzeichnet durch einen fast ehrfürchtigen Respekt vor dem Bestehenden, und sei es auch noch so verbraucht, heruntergekommen, ja marode. Sie sieht sich als Eindringling, dann als Geduldete, später als Gast auf Zeit, nie als Besitzerin, Einwohnerin. Vielleicht hat sie die fassungslose Klage eines Bauern aus Ribbeck gelesen, dem der Schriftsteller F.C. Delius in seiner Erzählung „Die Birnen von Ribbeck“ eine Stimme gab. Der betrachtet mit Staunen die Westberliner, die dem durch Fontanes Ballade berühmt gewordenen Dorf im Jahre 1990 einen neuen Birnbaum schenken und sich dabei auch noch selbst feiern wollen. Der Bauer fragt: „aber wie macht ihr das, kaum geht die Grenze auf, da hupt es, und ihr steht mitten auf dem Hof, latscht durch unsere Gärten wie Besatzer und schafft es in wenigen Tagen, mit den mächtigen Markstücken uns die Ruhe zu nehmen und die Steine zu bewegen, das Gras anders wachsen zu lassen und im Boden unter unseren Füßen zu stochern, die alten Schränke uns abzuschwatzen und Zäune zu bauen und mit Geschenken zu winken …“ Geschenke übrigens, die nur peinlich sind, denn die Birnbaumsorte namens „Gräfin von Paris“, die die West-Berliner den trockenen Mark Brandenburgern überreichen, liebt warme, feuchte Böden und trägt erst im Dezember Früchte. In „Blankow“ dagegen fällt Jakob Huffel einen „Williams Christ“-Birnbaum mit großem saftigen Obst „an dem Tag, als er von der Beerdigung seines Bruder zurückkam, der im Westen gelebt hatte. Der Baum musste dran glauben, warum, das wusste nur Jakob Huffel…“.

Sie sehen, lesen und hören hier schon, wie dezent Pauline de Bok sich ihrer neuen Umgebung annähert. Anders als die routiniert einfallenden „rasenden Reporter“, die das schnelle Bild oder die rasante Story suchen, geht sie den Weg des „slow journalism“, was vielleicht am besten mit „behutsamer Berichterstattung“ zu übersetzen ist. Sie kann gut zuhören, wenn sie Zeitzeugen trifft, sitzt nur da, schweigend, wenn ihrem Gegenüber die Tränen kommen. Sie lässt die bislang unerhörten Geschichten auf sich wirken, hofft auf weitere Zufallsfunde, unerwartete Begegnungen, Erst spät führt sie der Weg ins Archiv. So sieht sie sich nach wenigen Tagen auf Blankow auch noch – ich zitiere – „wie ein Eichhörnchen, das Vorräte sammelt: die Gegenstände, die Schriftstücke, die Geschichten.“ Am Ende des Buches aber wählt sie ein anderes Bild, es ist wieder ein Tiervergleich: „Ich fühle mich plötzlich wie eine Stopfgans – die sich selbst stopft – ich würge von all dem Elend und der Kümmerlichkeit. Auch von meinem eigenen kümmerlichen Leben hier im Kuhstall, tagelang bin ich in die Widrigkeiten anderer Menschen eingetaucht, ohne Auge und Ohr für etwas anderes, abwesend, gedankenverloren.“ Was ist ihr widerfahren, dass sie vom putzigen Rotschwanz zur „genudelten“, also fett gequälten Gans wechselt?

Dazwischen liegt ein schwerer Gang durch knapp zweihundert Jahre deutscher Geschichte, festgemacht an Blankow, einem Ort im Abseits. In ihm lebten auf Zeit die Vertriebenen, die Entwurzelten, die Entrechteten, in ihm rasteten Vergewaltigte, Verkrüppelte, Gedemütigte und Enteignete, hier tauchten auch „die Auschwitz-Hyäne“, die Mörder, Täter, Verräter auf, und in Blankow litten die Versager und Feiglinge, die Verzagten und Verstummten. Keiner von ihnen fand hier eine Heimat auf Dauer: Was ein Menschenleben aushalten musste an Revolution und Diktatur, Krieg und Besatzung. Wie man nach all dem überlebte, wieder aufstand, weitermachte. Ich glaube, nur eine Nicht-Deutsche ist in der Lage, mit dem fremden zweiten Blick der Unbetroffenen, Unbeteiligten all das so zu notieren. Pauline de Bok schreibt im Nachwort, dass sie moralische Fragen nicht interessierten, und an anderer Stelle weist sie die Richterrolle weit von sich, aber gerade  ihr Frei-Sein von Schuld und Sühne-Gedanken macht uns als Leser bereit und fähig, ihr im Buch durch dunkle, bittere Kapitel zu folgen.

Doch das ist nur ein Teil dieser literarischen Landnahme, die der Autorin nicht leicht gefallen ist. Als sie sich nach Blankow aufmacht, jenem Gut, das sie seit den achtziger Jahren durch Berliner Freunde kennt und wo sie sich „unbelauscht und unbeobachtet“ wähnt, steckt sie in einer Krise. Die erfahrene Journalistin hatte sich in den Niederlanden zuvor einen Namen gemacht, ihre Reportagen über holländische Friedhöfe oder das Leben am Meer werden geschätzt, ihr fundiertes Wissen als Historikerin und Theologin ist in den Medien gefragt. Und dennoch, wer „Blankow“ genau liest, spürt zwischen den Zeilen die Verunsicherung der Autorin. Der Tod des Vaters klingt in ihr nach, ferne Echos unverarbeiteter Ereignisse verfolgen sie in ihrem selbst gewählten Eremitendasein. Wenn sie auf der Heuwiese oberhalb Blankows steht, sieht sie in Richtung Süden: „Fernweh flammt in meiner Brust auf. Ich hole tief Luft. Berlin, die Stadt. Das ist ein anderes Dasein.“ In die Stille hinein notiert sie: „Musik höre ich kaum. Das kann ich mir nicht gestatten, es würde nur empfindliche Saiten in mir berühren.“ Viel ist von Heimweh die Rede, und ein einsamer Kranich rührt ihre Seele: „Eine Woge von Sehnsucht durchflutet mich, und plötzlich stimmt mich das Vermissen so missmutig, dass mir übel wird. Wir müssten zwei Leben haben, denke ich manchmal, eines allein und eines gemeinsam.“

Nein, Pauline de Bok zählt nicht zu jenen schwärmerischen Aussteigern, die das Leben auf dem Lande in den Künstlerkolonien von Worpswede oder Ahrenshoop  propagierten. Sie, die ihrem Vater dabei zusah, wie er als Tierarzt ein totes Kalb im Mutterbauch mit einer Drahtschlinge zersägen musste, um die Kuh zu retten, hat ein sehr rationales Verhältnis zur Natur, ohne ihre Empathie zu verbergen. Sie weiß um die unabänderliche Abfolge von Geburt, Leben und Tod, und dennoch wehrt sie sich gegen Alter, Verfall, das dem Ende vorangehende Sterben. Jedem toten Tier bringt sie Respekt entgegen, begräbt die kleinen aufgefundenen Leichname von Dachs, Katze, Fledermaus und Blindschleiche oder legt sie mumifiziert in eine Vitrine. Und der Unwille über das nie zu besiegende Kraut namens Giersch oder Löwenzahn hindert sie nicht daran, die ungebändigte Vitalität dieser kraftstrotzenden Pflanzen zu bewundern.

So nähert sie sich über Monate hinweg der Natur und einer Landschaft, deren unspektakuläre Schönheit sich erst spät erschließt. Es sind Feldwege und Eisnester in den Wiesen, Grenzwälle, Hügel und Seen, deren Flora und Fauna sie im Durchlauf der Jahreszeiten immer wieder in ihren Bann zieht. Ein wenig erinnert sie dabei an den empfindsamen Werther, der seinem Brieffreund Wilhelm zunächst vorschwärmt, wie großartig das einfache Landleben doch sei – „wie wohl ist mir´s, daß mein Herz die simple, harmlose Wonne des Mensche fühlen kann, der ein Krauthaupt auf seinen Tisch bringt, das er selbst gezogen…“  Danach aber bekennt er offen, dass für ihn diese Beschränkung auf Dauer nicht in Frage kommt. Goethes Werther seufzt nach einer harmlos-fröhlichen Spazierfahrt durch die Natur, dass das alles zwar ganz schön gewesen sei, „nur muss mir nicht einfallen, daß noch so viele andere Kräfte in mir ruhen,  die alle ungenützt vermodern und die ich sorgfältig verbergen muss.“ Auch Pauline de Bok wird von diesen schlummernden Kräften immer wieder herausgefordert, zwischen Unkrautjäten und Holzhacken, Wäschewaschen und Hausreparaturen drängt sich stets die Frage: Wozu das alles, worauf läuft das hinaus, wo endet es?

Ihr Hund wird dabei zur zentralen Figur. Als der Strom ausfällt und keine Fehlerquelle zu entdecken ist, raunzt sie ihn anfangs an: „Denk mal mit … an Dir habe ich überhaupt nichts, wenn´s drauf ankommt. Du kannst nur fressen. (…) Mensch, tu doch was, schreie ich ihn an. Er macht sich noch kleiner.“ Später erkennt Pauline de Bok im Hund das unbewusst-unschuldige Lebewesen, begreift den Menschen im Gegensatz dazu als die einzige Spezies, die mit einem Bewusstsein von sich und der Umwelt ausgezeichnet, oder besser: gestraft ist. Immer wieder kreisen ihre Gedanken um diesen entscheidenden Unterschied. Das unbekümmerte Dahinleben des Hundes, seine Sorglosigkeit, sein Vegetieren von Tag zu Tag weckt ihre Aufmerksamkeit. Sie fällt sogar auf die Knie, um von unten zu sehen: Wie ist die Perspektive eines Hundes? Ist eine eingeschränkte Sichtweise, ja Perspektivlosigkeit Glück? Will ich so leben? Schon der in der Prignitz geborene Dichter Gottfried Benn wünschte sich zurück ins Animalische:

 

„Oh dass wir unsere Ururahnen wären.

Ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor

Leben und Tod, Befruchten und Gebären

Glitte aus unseren stummen Säften hervor.

 

Ein Algenblatt oder ein Dünenhügel,

vom Wind Geformtes und nach unten schwer.

Schon ein Libellenkopf, ein Möwenflügel

Wäre zu weit und litte schon zu sehr.“

 

Aber der Kulturpessimist Gottfried Benn wusste, dass es dieses Zurück nicht gibt, wir sind „zu weit“, und auch Pauline de Bok ist sich darüber im Klaren. Doch mit ihrer Antwort geht sie andere Wege als Benn. Ihr Buch ist eine sprachliche Hinwendung zur Natur und zur Umwelt, die sie mit ihrem eigenen Verständnis von der Welt belebt und im Bild des Sisyphos beschreibt. Das beginnt mit einer das ganze Werk durchziehenden Poesie, die einen von ihr mehrfach zitierten Satz des Philosophen Schelling in Literatur verwandelt: „Die Natur schlägt im Menschen ihre Augen auf und bemerkt, dass sie da ist.“  Dazu noch einmal Pauline de Bok: „Die Menschen tragen die Last der Natur, dank ihres Bewusstseins wissen sie, worauf jeder Lebenstrieb, jedes Streben hinausläuft. Und sie wissen, dass ihr Bewusstsein ihnen letztendlich nicht helfen wird. Das ist ihre Tragik. Sie wälzen den Stein den Berg hinauf und wissen, wo er landen wird. Manchmal wünschte ich mir, ich wäre ein Hund.“ Aber nur manchmal, möchte man hinzufügen. Denn die Autorin begreift die Alleinstellung des Menschen als Auftrag, der Natur seine Stimme zu leihen, und so ist ihr Buch auch ein farbenprächtiges Wortspiel natürlicher Vorgänge, eine literarische Verdichtung des Blühens, Wachsens und Vergehens. Fast auf jeder Seite verzaubern die Farbenprismen eines Sonnenunterganges, überrascht ein Wolkenspiel, flimmern die Kornfelder oder gleißt der Schnee. Besonders die Lautmalerei, mit der wir uns schon als Kinder die Tierwelt erschlossen, wenn wir Mietz-Mietz statt Katze, Hottehüh statt Pferd oder Wauwau statt Hund sagten, beherrscht Pauline de Bok mit großer Souveränität. Und es ist ein großes Glück für den Leser, dass ihre Übersetzerin Waltraud Hüsmert diese sprachlichen Nuancen mit so viel Fingerspitzengefühl ins Deutsche retten konnte. Da heißt es: „Dschuuu, der Schornstein saugt an den Flammen“, der Hund „poft, hechelt, schnaubt und fiept“, Vögel „tschilpen, zwitschern und tirilieren“, und die Unken rufen: „uung uung – Schwarzseher, steht im Wörterbuch als zweite Bedeutung von Unke, Pessimist. … Schelling hat recht, die Natur ist beseelt.“

Die Autorin geht sogar einen Schritt weiter, über die Lautmalerei hinaus. Auch die Dingwelt ist bei ihr beseelt, Alltagsgegenstände, Sachen wie Möbel oder Geräte führen ein verborgenes Eigenleben. Als Pauline de Bok den Wohnraum nach langer Zeit erstmals wieder betritt, sieht sie Stühle, Tisch, Bett und Ofen, und bemerkt: „Ganz kurz erhasche ich einen Hauch von ihrem Dasein ohne mich, von ihrem An-sich-sein, etwas, was ein Mensch nicht kann.“ Sie fühlt sich als Störenfried und bekennt ein paar Seiten später: „Nur wenn ich still bin, fange ich ein Echo aus der Vergangenheit auf. Ich weiß, dass hier alles von der Vergangenheit durchtränkt ist, darum haben die Dinge ein so starkes Eigenleben. Ich versuche mich anzunähern, eine Form dafür zu finden.“ Sie folgt dabei den Spuren des Philosophen Ernst Bloch. Der fragt in seinem kleinen Essay unter dem Titel „Der Rücken der Dinge“ über deren vermutliches Eigenleben: „Was treiben die Dinge ohne uns? Wie sieht das Zimmer aus, das man verlässt? Das Feuer im Ofen heizt, auch wenn wir nicht dabei sind. Also sagt man, wird es dazwischen wohl auch gebrannt haben, in der warm gewordenen Stube. Doch sicher ist das nicht, und was die Möbel während unseres Ausgangs taten, ist dunkel. Keine Vermutung ist darüber zu beweisen, aber auch keine, noch so phantastische, zu widerlegen.“ Bloch schließt mit der „Vexierfrage, wie das Zimmer aussieht, wenn man es verlässt. Vorn ist es hell oder hell gemacht, aber kein Mensch weiß noch, woraus der Rücken der Dinge besteht, den wir allein sehen, gar ihre Unterseite, und worin das Ganze schwimmt.“ Ich glaube, Pauline de Bok hat uns mit „Blankow“ exemplarisch gezeigt, woraus der Rücken der Dinge im Blochschen Sinne gemacht ist. Sie verbindet in ihrer autobiographisch geprägten Romanwelt auf eine überzeugende Weise die Erfahrung einer ihr vertrauten Umgebung mit der Geschichte der im Lande wohnenden Menschen. Geglücktes, aber auch erlittenes Leben verdinglicht sich und wird so fassbar. Pauline de Bok bewahrt in dieser historischen Rekonstruktion Herkunft und Bestimmung der Menschen, Tiere und Natur. Die Landschaft mit ihren Dörfern erhält eine vierte Dimension und wird so in Raum und Zeit aufgehoben.

Pauline de Boks Behutsamkeit gilt dem Gegenüber. Offen bis zur Schonungslosigkeit ist sie nur bei sich selbst, aber ihr Hund, der stumme Gegenspieler, rettet sie als „des Pudels Kern“ vor der rabenschwarzen Melancholie einer zerstörerischen Selbsterfahrung. Dafür taucht in ihrem Buch – übrigens schon im Titel – ein zentraler Blochscher Begriff auf: der der Heimat. Es gäbe seltene, kostbare Augenblicke, wo sie aufscheine, so der Philosoph in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“. Augenblicke, in denen man Hoffnung, Glücksverlangen empfinde. Dann, so Bloch, „entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ Heimat als Nicht-Ort, griechisch „Ou-topos“ (gleich „Utopie“), von dem wir bisher nur spüren, dass er da sein könnte, und wünschen, dass er da sein sollte. Pauline de Bok hat mit ihrem Buch den prophetischen Denker Ernst Bloch, der 1961 die DDR verlassen musste, wieder in unser Bewusstsein gerufen, ohne ihn direkt zu nennen. Sie hat mit genauer Bobachtungsgabe, großer Könnerschaft und sicherem Sprachempfinden sein philosophisches Werk übertragen in bleibende, souveräne Literatur. Und ich bin sicher, dass für Pauline de Bok in Blankow, diesem so realen wie fiktiven Ort einer Utopie von Mensch und Natur, ihr „Verlangen nach Heimat“ zumindest zeitweise in Erfüllung geht.

Axel Kahrs, geboren 1950; lehrt an der Leuphana-Universität Lüneburg, Leiter der Niedersächsischen Stipendiatenstätte „Künstlerhof Schreyahn“, Vorstandsvorsitzender der Nicolas Born-Stiftung.

Zahlreiche Veröffentlichungen zur Literaturgeschichte, Ausstellungskurator.

Zusammen mit Fred Oberhauser Herausgeber und Verfasser des „Literarischen Führer Deutschland“ (Insel Verlag 2008). Beiträger im KLG-Literaturlexikon und den Zeitschriften die horen, DIE ZEIT. Mitglied im P.E.N.-Zentrum Deutschland.

 

 

 

 

 

 

 

 
 

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